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New Work Thüringen

New Work Thüringen
New Work Thüringen

Es zeichnet sich ab, dass in Thüringen mehr Informationsbedarf hinsichtlich moderner Arbeits- und Organisationsprozesse entstehen wird. Das Land hat jüngst ein Programm unter dem griffigen Titel Wirtschaft 4.0 aufgelegt. Verteilt auf die kommenden vier Jahre soll, ausgestattet mit einem Investitionsvolumen von über 100 Millionen Euro, die Digitalisierung der heimischen Wirtschaft angekurbelt werden. Doch schon jetzt spüren viele Unternehmen und Mitarbeiter die veränderten Rahmenbedingungen, die die fortschreitende Digitalisierung mit sich bringt. Die Arbeitswelt steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Ein "weiter so" wie bisher wird nicht mehr lange funktionieren.

Höchste Zeit, die Beliebigkeit griffiger Schlagworte zu überwinden und einen praxisorientierten Austausch über neue Arbeits- und Organisationsmethoden zu beginnen. Daher gründeten Alejandra Armendariz, Frank Schwertner und ich im April die Initiative New Work Thüringen. Gemeinsam mit allen Interessierten wollen wir Impulse liefern, wie die digitale Transformation ökonomisch erfolgreich und menschlich gewinnbringend gemeistert werden kann. Die Inititative ist zugleich die Regionalgruppe der AUGENHÖHE-Community. Innerhalb der ersten zwei Monate registrierten sich bereits 75 Interessierte auf der Website. Darunter GeschäftsführerInnen, Führungskräfte, Personalverantwortliche, Coaches, Berater, Freiberufler, Arbeitsvermittler, Angestellte usw. Am 22. Juni fand im Erfurter Skydeck die erste Veranstaltung mit über 30 TeilnehmerInnen statt.

Ein persönlicher Veranstaltungsrückblick.

Vorstellungsrunde
Teilnehmer

Alejandra Armendariz, die urpsrünglich aus Ecuador stammt und in Jena Interkulturelle Personalentwicklung studiert hat, eröffnete die Veranstaltung mit einer gemeinsamen Vorstellungsrunde. Sie bat alle Anwesenden darum, die Methode des Positiven Hypothetisieren auszuprobieren. Im Verlauf der Vorstellungsrunde wurde die große Vielfalt der TeilnehmerInnen deutlich.

Impulsvorträge

Frank Schwertner, Berater Business Development bei der DB Systel GmbH
Hierarchiefrei und eigenverantwortlich - die Innovationsrevolution proben
Frank Schwertner, DB Systel

Frank gehört zu den wenigen Pionieren in Erfurt, wenn es um die Erprobung neuer Formen der Zusammenarbeit geht. Nachdem er am Aufbau des ersten Skydecks in Frankfurt am Main mitgewirkt hat, wollte er das Konzept auch nach Erfurt holen. Ein Kollege und er zögerten nicht lange und buchten kurzerhand den größten Konferenzraum am Standort Erfurt für sechs Monate und legten mit diesem kühnen Vorgehen den Grundstein für das zweite Skydeck in Deutschland (mittlerweile gibt es ein Drittes in Berlin).

Die Skydecks sind aus einer wirtschaftlichen Notwendigkeit heraus entstanden. Um die Innovationsfähigkeit der DB Systel, dem größten IT-Dienstleister der Deutschen Bahn, zu verbessern, entwickelten Geschäftsführung, Führungskräfte und Mitarbeiter gemeinsam im Jahr 2015 das Konzept des "Skydecks". Ziel war es einen Raum zu schaffen, in dem die Mitarbeiter zu mehr unternehmerischer Denkweise ermutigt werden und neue Ideen in Form von Prototypen entwickeln können. An bisher drei Standorten lernen die Intrapreneure - so werden die Mitarbeiter genannt, die im Skydeck an ihren Ideen tüfteln - die Arbeit mit neuen Methoden jenseits vertrauter Strukturen und Abläufe. "Scheitern ist bei uns ausdrücklich erlaubt" betonte Frank in seinen Ausführungen. Nicht umsonst hängen überall an den Wänden Poster, die unterschiedliche Methoden wie Design Thinking (Fail es early as you can) oder Lean Management erklären. Das Konzept des Skydecks scheint aufzugehen, denn inzwischen profitiert der Konzern von den ersten Ergebnissen seiner Innovationsrevolution. Erfolgreiche Ideen, die ihren Ursprung in einem der drei Skydecks hatten, sind längst im Livebetrieb angekommen.

Frank verschwieg nicht, dass allein die Existenz der Skydecks bei einigen Menschen im Unternehmen für Verunsicherung sorgte. Konsequent weiter gedacht, könnten die Skydecks auch als Prototypen eines zukünftigen Organisationsmodells angesehen werden. So stellte er am Ende die Frage in den Raum: "Was wäre, würden wir morgen unsere bestehenden Hierarchien auflösen?" Eine spannende Frage, die im Verlauf des Abends noch mehrfach gestellt wurde.

Elke Klinger, Geschäftsführerin ART-KON-TOR ChangeProzesse GmbH
Im Krisenfall zurück auf Start - funktionieren neue Modelle nur in guten Zeiten?
Elke Klinger, Art-Kon-Tor ChangeProzesse

Elke ist seit 25 Jahren erfolgreich als Geschäftsführerin tätig und hat sich vor einigen Jahren zum Coach ausbilden lassen. Inzwischen begleitet sie Unternehmen in Change Prozessen und hilft Führungskräften mit ihrem Lebenszeitcoaching.

Elke versuchte sich der Frage, ob neue Modelle nur in guten Zeiten funktionieren, mit der maßgeblich durch Ken Wilber bekannt gewordenen Theorie der Spiral Dynamics anzunähern. Wilber selbst sagt: "Basierend auf intensiven Forschungen, begonnen von Clare Graves, sieht Spiral-Dynamics (entwickelt von Don Beck und Christopher Cowan) die Entwicklung oder Evolution der Menschen durch acht große Wellen des Bewusstseins."
Was erst einmal esoterisch klingt, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als eine Darstellung der verschiedenen Organisationsformen seit dem Beginn der Industrialisierung. Als Metapher dienen neun Zeitalter, die nach Farben wie "Beige", "Purpur" oder "Grün" benannt sind und die sog. Evolutionswellen repräsentieren sollen. Die Chronologie beginnt vor 100.000 Jahren und endet 30 Jahre vor dem Jetzt.

Eine Annahme, so wie ich es verstanden habe, ist dass Menschen - und damit auch Unternehmen - nicht konsistent sind. Im Krisenfall droht demnach der Rückfall in frühere Evolutionsstufen. Elke: Bleibt alles ein ewiger Kreislauf? Im Optimum eine Spirale, die beim erneuten Anlauf schneller erklommen werden kann? Mit diesen offenen Fragen und dem Gedicht Stufen von Hermann Hesse endete ihr interessanter Vortrag.

Holger Weser, Geschäftsführer Flymint GmbH u. Vorstand der Towerbyte e.G.
Neue Wege der Zusammenarbeit aus Sicht eines Unternehmers
Holger Weser, Flymint

Holger hatte sich nach Jahren in einer Festanstellung ganz bewusst dazu entschlossen, sein eigenes Unternehmen zu gründen. Es ging ihm dabei auch darum, die oft gelebten und akzeptierten Standards wie Bestrafungs-/Belohnungssysteme zu verlassen und seine eigenen Vorstellungen von respektvoller und wertschätzender Zusammenarbeit zu leben.

Der mit vielen persönlichen Erfahrungswerten angereicherte Vortrag basierte auf 5 Kernthesen, die dazu einladen, vertraute Denk- und Handlungsmuster in Frage zu stellen:
1. Unterschiedlichkeit ist wertvoll. Ein gutes Team vereint unterschiedliche Charaktere und verschiedene Kompetenzen.
2. Flexibilität ist wichtig, so lange man sich nicht verbiegt.
3. Trotz hoher gestalterischer Freiheit, brauchen Mitarbeiter auch Grenzen.
4. Transparenz ist gut. Das fängt bei strategischen Entscheidungen an und geht bei transparenten Gehältern weiter.
5. Der offene Umgang mit Krisen kann eine Unternehmenskultur sogar stärken.

Holgers Vortrag endete mit einem Zitat des bekannten Hirnforschers Gerald Hüther:„Man kann niemanden dazu motivieren, seine innere Einstellung ändern zu wollen, aber man kann ihn einladen, ermutigen und inspirieren, eine neue Erfahrung zu machen, die ihm Freude bereitet. Und das können diejenigen am ehesten, denen diese Tätigkeit selbst Freude macht.“

Workshops
Workshopgruppe

Im Workshopteil galt es die Inhalte der Impulsvorträge noch einmal zu diskutieren und um eigene Vorstellungen und Erfahrungswerte zu bereichern.

Gruppe 1 (Moderation: Maja Kuko, Beraterin @ Avilox GmbH)
Die Gruppe beschäftigte sich mit dem Skydeck und der generellen Frage, wie Unternehmen mehr Innovation ermöglichen können und werden. Der Wille und die Fähigkeit zur Veränderung ist nach Meinung der Anwesenden eine wichtige Grundvoraussetzung.
Gruppe 2 (Moderation: Katja Müller, Psychologin @ Uniklinikum Jena)
Diese Gruppe ging noch einmal auf die von Elke vorgestellte Theorie der dynamischen Spiralen ein. Dabei kam auch die Frage nach den Unterschieden zwischen dem integralen und dem multimodalen Modell auf. Ob Hierarchien gut oder hinderlich sind, fand am Ende auch noch einmal Eingang in die Diskussion.
Gruppe 3 (Moderation: Alejandra Armendariz, Scrum Masterin @ ePages GmbH)
Die dritte Gruppe nutzte Holgers Impulse dazu, sich mit der aktuellen Rolle von Führungskräften, innovativer Teamarbeit und der Bedeutung von auseinanderzusetzen.

In der anschließenden Wrap-Up-Session stellte jeweils ein Vertreter die Ergebnisse seiner Gruppe vor. Offene Fragen wurden aufgeschrieben und in einem gemeinsamen Backlog gesammelt. Dieses Backlog dient als Themenpool für zukünftige Veranstaltungen.

Nach einer offenen Feedbackrunde, die geprägt war von dem allgemeinen Wunsch einer Fortsetzung dieser Veranstaltungsreihe, klang der Abend in lockerer Atmosphäre gegen 21:30 Uhr aus.

Gruppenarbeit

Fazit
Die Initiative scheint bei vielen Teilnehmern einen Nerv getroffen zu haben. Das Interesse an den Inhalten und der Wille zur Veränderung war deutlich spürbar. Damit hat ein wichtiger Austausch in Thüringen begonnen, der wertvolle Impulse für die regionale Wirtschaft und darüber hinaus liefern wird. Die Digitale Transformation, das ist klar geworden, erfordert nicht nur ein Umdenken bei den Produktionsprozessen, sondern auch eine grundsätzliche Neubewertung der organisatorischen Strukturen, damit eine zukunftsorientierte Zusammenarbeit in modernen Unternehmen gelingt. Weitere Interessenten sind herzlich eingeladen, sich dieser neuen Initiative anzuschließen.

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