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10 Jahre Vegetarier

10 Jahre Vegetarier
10 Jahre Vegetarier

Der Anfang
Am Anfang war da diese unglaubliche Menge Wurst in meinem Kühlschrank, die ich Tage zuvor in einem Supermarkt als Sonderangebot kaufte. Zwei Kilo Aufschnitt für fünf Euro.
Abgestoßen von der Menge, die ich niemals vor Ablauf der Haltbarkeit essen würde und enttäuscht von mir selbst, dass ich einfach nur zugegriffen und nicht nachgedacht habe, fasste ich einen spontanen Entschluss: Ab sofort esse ich keine Wurst mehr.

Ein halbes Jahr später begann ich damit, ganz auf Fleisch zu verzichten. Ich tat das nicht aus ethischen Gründen oder weil es cool wäre, kein Fleisch zu essen. Vielmehr war es die logische Fortsetzung einer persönlichen Entwicklung. Fleisch schmeckte mir einfach nicht mehr und ich empfand auch überhaupt kein Lustgefühl dabei, in ein saftiges Stück Fleisch zu beißen.

Plötzlich war ich Vegetarier. Ich, der nie im Verdacht stand, ethischen oder ökologischen Themen besonders viel Aufmerksamkeit zu widmen. Vieles würde sich ändern...

Fragen
Nach einigen Monaten musste ich erkennen, dass meine Entscheidung für mein Umfeld gar nicht so einfach zu akzeptieren war. Das lag nicht unbedingt an fehlender Toleranz. Das Konzept "kein Fleisch zu essen" gab es in den meisten Vorstellungen einfach nicht. Meine Eltern und Großeltern gehören einer Generation an, die erlebt hat, dass Fleisch als etwas Wertvolles gilt. Ich lebe in einer Region, die für seine herzhafte Küche mit hohem Fleischanteil bekannt ist. Die Menschen haben von Kindertagen an gelernt, dass Fleisch gut, gesund und lecker ist. Warum also sollte man freiwillig darauf verzichten?

Das Fragen hat bis heute nicht aufgehört. Es sind immer ähnliche Fragen, die mir gestellt werden. Am Anfang war das okay für mich. Heute nervt es manchmal. Es gibt Tage, da reagiere ich kurz angebunden und es gibt Tage, da kontere ich mit Argumenten über Ethik, Gesundheit etc. - meistens bleibt es aber beim Fleisch schmeckt mir einfach nicht, was auch am ehesten akzeptiert wird.

Ethik
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die anderen mit erhobenem Zeigefinger ihre Essgewohnheiten ankreiden und finde Grundsatzdiskussionen zu persönlichen Vorlieben auch eher ermüdend. Aber ich musste mir mit der Zeit eingestehen, dass ethische Gründe natürlich auch eine zunehmende Rolle spielten. Denn wenn man den ersten Schritt getan hat und fleischlose Ernährung zur persönlichen Normalität geworden ist, ist es nur noch ein kurzer Weg, die teils gravierenden Missstände bei der Haltung von und gegenüber Tieren zu erkennen.

Vegan
Spricht man von Ethik und Tierwohl, kommt man nicht um das Thema Veganismus herum. Ich bin noch kein Veganer. Der vollständige Verzicht auf z.B. Honig, Eier, Käse und Lederschuhe gelingt mir noch nicht. Ich erkenne aber, dass immer mehr Menschen diesen Schritt gehen und ganz bewusst auf eine komplett tierfreie Lebensweise setzen. Auch die Industrie hat das erkannt und reagiert inzwischen mit einem zunehmenden Angebot.

Kochen
Das war eines der ersten großen Aha-Erlebnisse. Früher argumentierte ich gern mit mangelnder Abwechslung und ohne Fleisch fehlt einfach etwas. Dieser Eindruck hat sich schnell umgekehrt. Mein Speiseplan ist reichhaltiger und abwechslungsreicher geworden. Vorher waren es die vielleicht zehn immer gleichen Gerichte mit Fleisch. Danach erschloss sich mir eine neue kulinarische Welt. Zum Einen koche ich jetzt viel mehr selbst und zum Anderen habe ich auch einen völlig neuen Bezug zum Essen und zu Nahrungsmitteln entwickelt.

Meine Frau und ich kochen vegetarisch/vegan. Wenn sie Lust auf Fleisch hat, gehen wir zum Essen aus. Meine Großmutter und mein Vater verzichten inzwischen selbst phasenweise auf Fleisch. Wenn bei Grillrunden die üblichen Witze gemacht werden, lache ich mit und kontere auch gern mal mit einem lockern Spruch. Es gab nur wenige Situationen, in denen ich das Gefühlt hatte, dass meine Ernährungsweise anderen Umstände bereiten würde.

Reisen / Urlaub
Bis auf wenige Ausnahmen hatte ich nie Probleme. In manchen Regionen fällt die Vielfalt etwas eingeschränkter aus. Aber dass ich nichts zu essen bekommen hätte, ist mir nicht mal auf der abgelegensten Berghütte in den Alpen passiert. Im Grunde kann man als Vegetarier überall gut essen. Ob man sich plakativ als Vegetarier outet oder z.B. einfach dezent nachfragt, ob bestimmte Allergene enthalten sind und aus welchem Sud die Suppe gemacht ist (Stichwort Rinderknochen), ist individuelle Geschmackssache.

Gesundheit
Ganz subjektiv betrachtet, stelle ich fest, dass ich kerngesund bin. Bis auf einen etwas niedrigeren Eisenwert, sind alle Blutwerte im Idealbereich. Der Eisenmangel ist ein typisches Problem von Ausdauersportlern, was ich durch Supplementierung ausgleiche. Dafür sind andere oftmals kritische Werte (wie Cholesterin) in gesunder Norm. Sportlich merke ich keine Einschränkung. Selbst extreme Belastungen wie Alpenüberquerungen oder Marathons absolvierte ich mit souveränen Ergebnissen.

Der schlimmste Moment
Das war in Norditalien beim Abendessen in einem Hotel. Ich war mit einer größeren Gruppe Mountainbiker im Rahmen einer Alpenüberquerung unterwegs und der einzige Vegetarier. Vorsorglich hatte ich den Kellner vorher über meine Essgewohnheit informiert. Nach mehrmaligem Nachfragen und mit einer dreiviertel Stunde Verspätung - alle waren bereits mit ihrem Essen fertig - kam mein Abendbrot: Ein Körbchen mit labbrigen Brot und eine lieblos angerichtete Käseplatte, die wahrscheinlich noch vom Frühstück übrig geblieben war. Nicht nur, dass alle denken mussten, wie unappetitlich vegetarische Ernährung sein muss, saß ich nun allein in der Mitte des Tisches und durfte mir fortan unzählige Sympathiebekundungen à la Du Armer oder das grenzt ja schon an Diskriminierung anhören.

Der schönste Moment
Davon gab es viele. Rückblickend waren es immer die Momente, in denen mir Freunde oder Familienmitglieder offenbarten, kein Fleisch mehr zu essen. Dann kommt mir Gandhi in den Sinn: Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünscht für diese Welt.

Rückfälle
Gab es zwei. Ganz am Anfang bin ich zusammen mit einem Freund, der inzwischen auch schon lange vegetarisch lebt, zu Burgerking, um dort den größtmöglichen Burger zu essen.
Der zweite Rückfall war ein Unfall. Ich wollte mich zwei Wochen lang von Suppen ernähren. Im Supermarkt kaufte ich bevorzugt die Gemüsesuppe eines bekannten Anbieters. Was ich lange nicht realisierte, die kleinen Klößchen in der Fertigsuppe waren aus Fleisch. Aussehen und Geschmack waren wie Grießklöße. Bemerkt hatte ich das erst nach einigen Tagen. Überlebt habe ich das trotzdem ;-)

Heute
In den letzten 10 Jahren hat sich vieles verändert. Schreitet diese Entwicklung mit ähnlicher Rasanz fort, wird es auf absehbare Zeit ein ausgeglichenes Verhältnis geben. Inzwischen macht ein großer traditioneller Wursthersteller bereits ein Fünftel seines Umsatzes mit vegetarischen Produkten. Die Konkurrenz zieht nach. Eine rein vegane Supermarktkette ist in Deutschland entstanden. Kaum ein Restaurant das sich diesem Trend mit entsprechenden Angeboten entziehen würde. Flexitarier ist zu einer Art Chiffre eines neuen Ernährungstrends geworden: Weniger Fleisch.

Fazit
Für mich ist eine fleischfreie Ernährung etwas ganz Normales. Manchen Menschen schmeckt kein Brokkoli, andere reagieren allergisch auf Nüsse, ich mag kein Fleisch. Vegetarier zu sein bedeutet nicht der Verzicht auf, sondern die Entscheidung für etwas. Die meisten Menschen in meinem Umfeld, die eine ähnliche Entscheidung getroffen haben, sind dabei geblieben. Alles beginnt mit einem ersten Versuch...

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