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Alpencross: Mit dem Mountainbike über die Alpen

Tourenkarte Alpencross
Tourenkarte Alpencross

Prolog
„Du hast es geschafft“ bebt es in mir, als ich das Ortseingangsschild von Riva passierte. Ein kleiner Traum wurde Wirklichkeit: Einmal die Alpen per Mountainbike überqueren.

Sieben Tage geprägt von Anstrengungen, Teamgeist und einzigartigen Landschaftsbildern lagen hinter mir, als sich die körperliche und mentale Anspannung am Ufer des Gardasees schlagartig in wohlige Zufriedenheit auflöste.

Sieben Tage, das waren 15 Gipfel, 500 km und 13.500 Höhenmeter in nackten Zahlen. Aber auch Unwetter, brütende Hitze, urige Hütten und grandiose Bergpanoramen.

Motivation Alpencross
Die Entscheidung, die Alpen mit dem Mountainbike zu überqueren, fiel acht Monate früher. Befreundete Mountainbiker planten ihren nächsten Alpencross und hatten einen Platz verfügbar. Als Alpencross-Neuling hatte ich kaum eine Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Infiziert von der Aussicht auf ein großes Abenteuer, sagte ich zu und sollte es nicht bereuen...

Streckenplanung des Alpencross
Die Tour sollte am Tegernsee starten, durch Tirol in Österreich führen und nach einem Abstecher in die Dolomiten am Gardasee in Italien enden. Als Highlights der Strecke galten der Tuxer Gletscher, das Pfunderer Joch und natürlich die Dolomiten. Ein großer Teil der Tour würde durch hochalpines Gelände verlaufen und die meisten Übernachtungen auf Berghütten stattfinden. Insgesamt waren sieben Tage in Folge veranschlagt.

Vorbereitung auf den Alpencross
Mein Training für den Alpencross verlief nicht nach einem besonderen Trainingsplan oder starren Vorgaben. Ich trainierte wann immer ich konnte und wollte. Mehrere Eintages- und Mehrtagestouren schenkten Selbstvertrauen für die bevorstehenden Herausforderungen. Konkret absolvierte ich bis zum Beginn des Alpencross über 2500 Kilometer und 35.000 Höhenmeter auf dem Rad. Ein speziell auf die Anforderungen in den Alpen ausgerichtetes Fahrtechniktraining war ebenfalls Teil der Vorbereitung.

Ausrüstung für einen Alpencross
Für die Zusammenstellung meiner Ausrüstung für den Alpencross durchforstete ich zahlreiche Blogs und Foren nach Erfahrungsberichten und Empfehlungen. Tests in einschlägigen Magazinen können hilfreich sein, erschienen mir bisweilen aber auch etwas zu theoretisch und unkritisch. Alle Teile meiner Ausrüstung habe ich vor der Transalp auf Vorbereitungstouren ausführlich getestet.

Geführter Alpencross
In zahlreichen Diskussionsforen im Internet finden sich ermüdende Debatten über das Für und Wider eines geguideten Alpencross. Die Einen lieben den Purismus und die Flexibilität einer selbst organisierten Alpenüberquerung, Andere wollen sich den Organisationsaufwand sparen oder haben schlicht nicht die Zeit dafür. Wir entschieden uns für eine geführte Alpenüberquerung mit einem erfahrenen Tiroler Guide.

Bericht: Mit dem Mountainbike über die Alpen



Anreise und Vorabend

Ausrüstung für den Alpencross
Ausrüstung für den Alpencross

Bei hochsommerlichem Wetter trafen wir uns am letzten Freitag im Juli am Tegernsee im Alpenvorland, wo einen Tag später der Alpencross starten sollte.

Pünktlich zum Abendbrot versammelten sich alle Teilnehmer und unser Guide Rudi - ein Alpencrosser der ersten Stunde in seinen 50er Jahren - stimmte mit wärmenden Worten auf das bevorstehende Abenteuer ein. Es folgte ein erster Austausch über Motivation, Trainingsstand und Equipment unter allen Anwesenden. Bei dieser Gelegenheit wurde mir gewahr, nicht nur der Jüngste in der Runde, sondern auch der Einzige ohne Alpencrosserfahrung zu sein. Ich nahm es mit Humor.

Beim anschließenden Bike-Check konnten die Räder der Mitfahrer bestaunt werden. Es handelte sich um durchweg hochwertige Bikes. Zu guter Letzt stimmte uns Rudi in seinem urigen Tiroler Dialekt mit „So a Transalp isch für mi erholsoamer oals sechs Woch'n Wellnessurlaub“ kernig auf die bevorstehenden sieben Tage ein.
Fotos Anreise und Vorabend
Rad und Ausrüstung für den Alpencross stehen bereitAnkunft in Bad Wiesee am TegernseeAm Ufer des TegernseeLetzter technischer Check der Räder am Vorabend


Tag 1: Tegernsee - Weidener Hütte (93 Km, 2200 Hm)

Sonnenaufgang überm Tegernsee
Sonnenaufgang überm Tegernsee

Plötzlich ging alles ganz schnell: Frühstücken, Rucksack auf, letzte Einstellungen am Rad vornehmen und los. Monate fieberte ich diesem Moment entgegen und mit einem Mal war ich mitten drin. Der erste Alpencross meines Lebens hatte begonnen.

Die Tour startete mit einem gemütlichen Einrollen auf breiten Waldwegen bei moderater Steigung. Dem baldigen Grenzübertritt von Bayern nach Tirol ging eine erste technische Abfahrt voraus. Eine von Vielen, wie sich in den darauffolgenden Tagen zeigen würde.

Am frühen Nachmittag erreichten wir das Inntal bei Brixlegg. Doch bevor wir den ersten knackigen Anstieg der Tour in Angriff nehmen konnten, zwang uns ein kräftiger Wolkenbruch zu einer unfreiwilligen Pause. Es goss sprichwörtlich aus allen Kübeln. Noch während die letzten Tropfen fielen, saßen wir wieder im Sattel, um die 1200 Höhenmeter bis zum Tagesziel in Angriff zu nehmen. Ein erster Prüfstein auf dem Weg nach Riva...

Bei strömenden Regen erreichten wir gegen 20 Uhr die auf 1.800 Metern gelegene Weidener Hütte. Der hauseigene Trockenraum glich einer Dampfsauna, in dem Dutzende Kleidungsstücke kreuz und quer verteilt hingen. Nachdem alle Sachen verstaut und die Schlangen vor den Duschen verschwunden waren, stand der gemütliche Teil des ersten Tages an: Ein gemeinsames Abendbrot bei feinster Hüttenatmosphäre. Draußen prasselte der Regen gegen die Scheibe, während drinnen Tiroler Köstlichkeiten kredenzt wurden und heitere Gespräche die Runde machten.
Fotos Tag 1
Sonnenaufgang am TegernseeKurz vor dem StartGemütliches EinrollenEine erste steile PassageGrenze zwischen Bayern und TirolBrandenberger AcheKurz vor AschauÜberquerung des InnKurzer Wolkenbruch im Inntal Imposanter Blick auf das Rofan GebirgeSteiler Anstieg zur Weidener HütteDie Weidener HütteErschöpft und glücklich am Abend des ersten TagesSchlafsaal in der Hütte


Tag 2: Weidener Hütte - Enzianhütte (66 Km, 2000 Hm)

Abfahrt am Tuxer Joch
Abfahrt am Tuxer Joch

Die Nacht im Bettenlager endete schneller als Manchem lieb war. Direkt nach dem reichhaltigen Frühstück brachen wir 8 Uhr zum Geiseljoch (2300 Hm) auf, dem ersten Etappenziel des zweiten Tages.

Kurz vor dem Joch und deutlich oberhalb der Baumgrenze zog ein Gewitter mit Hagelschauer auf. Nur unsere Helme und Regenkleidung boten etwas Schutz vor den erbsengroßen Himmelsgeschossen. Nicht viel, was manch schmerzverzerrtes Grinsen verdeutlichte.
Nachdem wir das Joch passiert hatten, erwartete uns eine Abfahrt über 1.000 Höhenmeter ins Tuxer Tal. In Hintertux entschieden zwei Mitfahrer die Tour abzubrechen. Kälte und Regen forderten ihren Tribut.

Komfortabel fuhren wir anschließend mit der Sommerbergbahn bis auf 2.100 Meter, um die verbliebenen 200 Höhenmeter bis zur Tuxer Hütte per Pedes zurückzulegen. Bei wenigen Grad über Null fiel die Entscheidung zugunsten einer wärmenden Kaffeepause einstimmig aus.
Die folgende Abfahrt vom Tuxer Joch war steil, schmal, verblockt, ausgewaschen und mit Spitzkehren übersät. Selbst die besten Fahrer unserer Gruppe legten ein Drittel der Strecke nur schiebend zurück. Auf jeden Fall ein Erlebnis!

Am frühen Nachmittag passierten wir den Brennerpass und die österreichisch-italienische Grenze. Nach wenigen Kilometern parallel zur Brennerautobahn und einer letzten kernigen Auffahrt, bezogen wir unser uriges Quartier auf der auf knapp 1.900 Meter gelegenen Enzianhütte. Mit einem zünftigen Abendessen endete der erste Abend auf italienischer Seite.

Mitten in der Nacht begann mein Magen zu rebellieren und es folgten zermürbende Stunden. Nach Monaten intensiver Vorbereitung drohte mein erster Alpencross in einem vorzeitigen Tourabbruch zu enden. Erschöpft und fiebrig entschied ich mich am nächsten Morgen, die anstehende Etappe über das Pfunderer Joch nicht anzutreten und einen Ruhetag einzulegen.
Fotos Tag 2
Start in Richtung GeiseljochHagelschauerStau auf dem BergpfadAm GeiseljochAbfahrt ins Tuxer TalSteiler Anstieg zum Tuxer JochKurze Pause in der Tuxer HütteAm Tuxer Joch Anspruchsvolle Abfahrt vom Tuxer JochSteiler TrailGlückliche Gesichter nach einer anspruchsvollen AbfahrtIrgendwie die Sachen trocknen...Auf dem Weg zum Brenner PassWas muss das mussDie ersten Kilometer in ItalienAnkunft an der Enzianhütte am Ende des zweiten TagesDie Enzianhütte


Tag 3: Enzianhütte - Rodeneck (51 Km, 1.600 Hm)

Auf dem Weg zum Pfunderer Joch
Auf dem Weg zum Pfunderer Joch

Derweil ich per Kleinbus nach Rodeneck gefahren wurde, passierten die anderen Fahrer an diesem Tag das Schlüsseljoch sowie das auf knapp 2.600 Metern gelegene Pfunderer Joch, das zugleich den höchsten Punkt der gesamten Tour markierte. Die Abfahrt nach Pfunders wurde als flowiger Traumtrail beschrieben, dem eine knackige, teils nur fußläufig zu meisternde, lange Auffahrt vorausging.

Mein Ruhetag war insofern auch nicht vergebens, denn ich konnte etwas über den Alltag eines Shuttlebusfahrers erfahren. In den Sommermonaten sind zahlreiche Kleinbusse im gesamten Alpenraum unterwegs. Dabei betreut ein Shuttlefahrer bis zu vier Gruppen pro Tag und legt dabei gewöhnlich mehrere hundert Kilometer zurück. Dahinter steckt eine aufwändige Logistik, von der man normalerweise nichts mitbekommt. Während unserer Tour kamen wir an drei Tagen in den Genuss eines Gepäcktransports, da einige unserer Berghütten für Automobile unerreichbar waren.
Fotos Tag 3
Auf dem Weg zum SchlüsseljochBeschwerlicher AufstiegUnwirtliche Bedingungen auf dem Weg zum Pfunderer JochKleiderwechsel am JochStolze Transalper am Pfunderer JochWenig Vegetation auf 2600 MeternFlowige Abfahrt nach PfundersSingletrail so weit das Auge reicht


Tag 4: Rodeneck - Pederü Hütte (55 Km, 2.100 Hm)

Auf dem Weg zu den Rodenecker Almen
Auf dem Weg zu den Rodenecker Almen

Der vierte Tag begann mit Sonnenschein und einer langen Auffahrt zu den Rodenecker Almen (1800 hm). Während einer Ruhepause auf der Sonnenterrasse der Starkenfeldhütte lockten die ersten sichtbaren Dolomitengipfel zur baldigen Weiterfahrt.

Oberhalb der Baumgrenze surften wir auf einsamen Hochgebirgspfaden dem Gardatal entgegen. Nach einer rasanten Abfahrt auf einer langen Schotterpiste wurde am Nachmittag das idyllische Örtchen St. Vigil am Fuße des Kronplatz erreicht und die dortige Eisdiele kurzerhand zur Kalorientankstelle umfunktioniert. Gegen die hochsommerlichen 30° im Schatten wirkten die kühlen Temperaturen der Vortage ziemlich fern und drei Kugeln Eis angenehm real.

Bis zum Tagesziel Pederü Hütte blieben 10 Kilometer auf einem schmalen Trail, der sich über Steine, Wurzeln und Bachläufe durch ein langgezogenes Tal schlängelte. Nachdem wir unsere komfortablen Zimmer bezogen hatten, klang der Tag gesellig im Restaurant der Hütte aus.
Fotos Tag 4
Sonnenaufgang über RodeneckAuffahrt zu den Rodenecker AlmenSonne sattAnkunft an der StarkenfeldhütteVerdiente Pause mit Apfelstrudel, Spezi und SonnenscheinGaumenfreudenErster Dolomitengipfel360° Panorama genießenTor in die Dolomiten?Immer wieder HindernisseKurze Orientierung per GPSAbfahrt ins GardatalWer scherzt hat noch Reservern...Eisstopp in St VigilAuf dem Weg in Richtung FanesÜber Stock und SteinPederü HütteAnkunft an der Pederü HütteAbendstimmung


Tag 5: Pederü Hütte - Bindelweghütte (38 Km, 1500 Hm)

Blick zur Marmolata
Blick zur Marmolata

Am fünften Tourentag sollten sich Highlight um Highlight wie an einer Perlenkette aneinander reihen. Sofort forderte ein steiler Anstieg auf sandigem Boden vollen Krafteinsatz. Die Sonne brannte bereits seit den frühen Morgenstunden gnadenlos. Nachdem wir die Fanes Almen und das auf 2.200 Meter gelegene Limojoch passierten, offenbarte sich uns ein gigantischer Ausblick auf die umgebenden Gipfel. Schroffe Felswände auf der einen Seite, ein weit gestrecktes Hochplateau auf der anderen. Pfeifende Murmeltiere und grasende Wildpferde vermittelten den Eindruck, in einer fremden Welt angekommen zu sein.

Über einen steilen Wandersteig, die Räder teilweise geschultert, erreichten wir zur Mittagszeit den Wintersportort Armentarola. Dort bemerkte ein Mitfahrer einen Defekt an seinem Hinterrad: Kaputter Freilauf. Ein kapitaler Schaden, der nicht ohne weiteres hätte behoben werden können. Per Telefon wurde ein in der Nähe befindlicher Radladen in Erfahrung gebracht, wo der Defekt innerhalb von zwei Stunden repariert wurde. Der Rest der Gruppe überbrückte die heiße Mittagszeit in einem schattigen Cafe, während Guide Rudi noch ein paar Südtiroler Schmankerl für eine spätere Jausen-Pause besorgte.

Zwei Stunden später "klebten" wir wieder am Berg und kurbelten auf einer steilen Rampe zur Pralongià-Hochebene hinauf. Auf dem Plateau angekommen, gab es Dolomiten zu drei Seiten und einen herrlichen Blick auf den Alpenhauptkamm im Norden zu bewundern. Der ideale Ort für ein zünftiges (Nach-)Mittagessen. Schinken, Käse, Gurken und Kümmelbrötchen wurden herumgereicht. Kurze Zeit später machte sich satte Zufriedenheit breit. Ich ließ mich zurück ins Gras fallen und beobachtete einen Moment das Wolkenspiel am Himmel. Leben in völliger Unbeschwertheit...

Auf dem Sella Ronda Hero Trail fuhren wir nach Arabba weiter, von wo aus es per Seilbahn zur Porta Vescovo hinaufging. Waren die vielen Eindrücke des Tages nicht schon genug, türmte sich plötzlich vor uns die Marmolata auf. Allen stockte der Atem. Diesen Anblick hatte wohl niemand erwartet. Majestätisch und gewaltig starrten wir auf das mit Eisfeldern übersäte Bergmassiv, dem zugleich höchsten Berg der Dolomiten, und benötigten einige Minuten, um uns von diesem faszinierenden Bild zu lösen.

Rudi schwor uns auf den letzten Abschnitt des Tages ein. Vorsichtig sollten wir sein und notfalls absteigen, da der bevorstehende Bindelweg-Trail besonders schmal und steil sei.
Der Trail war schmal, steil und doch einfach nur gigantisch! Auf der linken Seite die grauen Felswände der Marmolata, unter uns der türkisblaue Lago di Fedaia, und vor uns dieser schmale Pfad auf 2.400 Metern Höhe.

Alles schien wie immer: Die Stollen meiner Reifen krallten sich fest in den sandigen Boden, die Kette ratterte monoton und wurde gelegentlich vom hellen Quietschen der Scheibenbremsen unterbrochen. Und doch war es anders als sonst. Ich fuhr wie in Trance und registrierte das Geschehen um mich herum wie in Zeitlupe. Das normale Leben zuhause, die alltäglichen Gedanken waren ferner denn je. Dieser Trail, dieser Moment, dieses Gefühl eins zu sein mit der Natur, das war Unendlichkeit!

An der Bindelweghütte angekommen, hing ein jeder noch eine Weile seinen Gedanken nach. Zu intensiv und zahlreich waren die Bilder des zurückliegenden Tages. Als wäre alles nicht genug gewesen, wurden wir von der untergehenden Sonne mit einem atemberaubenden Alpenglühen belohnt.
Fotos Tag 5
Beschwerlicher Aufstieg am MorgenAm LimojochDie Fanes AlmenKurze Pause in völliger AbgeschiedenheitRitt durch das Hochplateu der FanesTragepassage auf dem Weg nach ArmentarolaRückkehr aus einer anderen WeltWeitblick auf der PralongiaFerne genießenInnehalten von einer rasanten AbfahrtDie Marmolata im BlickSchlangestehen für etwas Luxus.....per Seilbahn zur Porta VescovoGrandioser Blick auf die MarmolataEinstieg in den BindelwegEin traumhafter SingletrailSchmal, steil und einzigartigDie BindelweghütteGruppenfoto vor der HütteBlick von der Bindelweghütte gen OstenAlpenglühen und VollmondVorbesprechung der nächsten TagesetappeAbendliches Beisammensein auf der Bindelweghütte


Tag 6: Bindelweghütte - Gfrill (95 Km, 2.600 Hm)

Sella Massiv und Langkofel
Sella Massiv und Langkofel

Königsetappe. Acht Uhr saßen wir wieder in unseren Sätteln, um das letzte Stück des Bindelwegs rechtzeitig vor den ersten Wanderern zu passieren. Das Sella-Massiv vor Augen ging es zunächst über 1.000 Höhenmeter talabwärts bis nach Canazei und auf einem abschüssigen Radweg weiter bis Moena, wo 600 teils sehr steile Höhenmeter hinauf zum Karerpass auf uns warteten. Am Pass angekommen, entschädigte der Karersee am Fuße des Latemar, dessen türkis-blau-grünes Wasser dem Ort eine ganz besondere Aura verleiht. Auf Waldtrails und kaum befahrenen Teerstraßen passierten wir wenig später das Jochgrimm in knapp 2.000 Metern Höhe.

Nach einer abermals langen Abfahrt, begann in Kaltenbrunn der Anstieg zum Trudener Horn. Die 80 Km in den Beinen machten sich hier bereits deutlich bemerkbar und ließen die letzten steilen 800 Höhenmeter bis zum Gipfel zu einer sportlichen Prüfung werden.

Irgendwann erreicht sicher jeder auf seinem ersten Alpencross seine körperliche Grenze. Bei mir war es am Trudener Horn soweit. Auf halber Strecke bis zum Gipfel wurden die Beine schlapp, der Rucksack schmerzte unangenehm auf dem Rücken und die Wasservorräte gingen zu Ende. Ich stieg vom Rad und schob nach vorn über den Lenker gebeugt ein ganzes Stück. Innerlich verfluchte ich erstmals dieses wahnwitzige Vorhaben, die Alpen per Mountainbike zu überqueren.

Am Berg fährt jeder für sich allein, die Gedanken kreisen um einen herum und irgendwann fährt man wie in einem Tunnel. Den Blick voraus gerichtet, die Umwelt nur noch in Einzelbildern wahrnehmend, zählt man stoisch die verbleibenden Höhenmeter herunter.

Persönliche Grenzerlebnisse wie dieses verlieren genau dann ihren Schrecken, wenn der Gipfel erreicht ist und die Last der Anstrengung von einem abfällt. Als ich oben ankam, saßen einige meiner nicht minder erschöpften Mitfahrer bereits mit Flaschen alkoholfreien Bieres in der Sonne und hatten ein breites Lächeln im Gesicht. Eine bewirtete Alm in der Nähe verkaufte tatsächlich gekühlte Getränke in dieser eher abgelegenen Gegend. Es würde das mit Abstand beste alkoholfreie Bier werden, das ich mir vorstellen konnte.

Nach einem letzten knackigen Downhill auf einem alten Karrenweg, erreichten wir im Licht der untergehenden Sonne Gfrill das Ziel des vorletzten Tages. Unsere Herberge war eine kleine Pension, malerisch oberhalb des Etschtals gelegen, wo uns der Wirt mit hausgemachten Südtiroler Köstlichkeiten verwöhnte.
Fotos Tag 6
Morgendlicher Blick auf die MarmolataMagische MomenteBlick auf Langkofel und SellamassivGruppenfoto vor dem LangkofelDer KarerseePizza CalzoneUnterhalb des LatemarPurist vs. FeinschmeckerAnkunft auf dem Trudener HornVerdiente ErfrischungAbendlicher Blick ins Etschtal


Tag 7: Gfrill - Riva - Arco (107 Km, 1.600 Hm)

Entlang des Molvenosees
Entlang des Molvenosees

Etwas Wehmut kam auf, als es am Morgen das letzte Mal hieß: Fertig? Los! Auf dem verfallenen Karrenweg des Vortags fuhren wir hinab ins Etschtal. Alle hatten ein breites Grinsen im Gesicht. Denn jeder Einzelne in der Gruppe war fahrtechnisch ausreichend versiert, um die teils sehr anspruchsvollen Passagen zu meistern. Im Tal angekommen, fuhren wir eine ganze Zeit auf dem gut ausgebauten Etschtal-Radweg an den für die Region typischen Apfelplantagen entlang.

Die körperliche Ermüdung war insgesamt deutlich spürbar und wir waren froh, die 800 Höhenmeter bis Andalo auf einer Straße bewältigen zu können. Temperaturen um die 35° zehrten zusätzlich an der Substanz! In Molveno stärkten wir uns in einem schattigen Lokal mit Pizza und Spezi. Ein anschließendes Bad im Molvenosee am Fuße der Brenta Dolomiten machte die Erholung perfekt und gab neuen Schwung für die restlichen 50 Kilometer bis Riva.

Den letzten Pass der Tour, den Passo del Ballino, passierten wir zeitgleich mit einer Transalp-Rennradgruppe, deren Teilnehmer gänzlich ohne Gepäck und mit eigenem Begleitfahrzeug im Schlepptau unterwegs waren. Diese Begebenheit ist nur deshalb erwähnenswert, da uns kurz zuvor eine andere Gruppe älterer Rennradfahrer vor einem Berg überholte und dies mit süffisanten Kommentaren garnierte. Womit sie augenscheinlich nicht rechneten, war, dass wir trotz unserer massiven Räder und der schweren Rucksäcke durchaus noch in der Lage waren, einen kleinen Wettkampf am Berg zu unseren Gunsten zu entscheiden. Klick, klick - Dämpfer und Gabel wurden blockiert und im Wiegetritt und mit einem Lächeln im Gesicht wurde jeder einzelne der übermütigen Rennradler kurze Zeit später wieder eingeholt. „Höchststrafe“ grummelten diese zerknirscht ;-)

Kurz nach dem wir den Tennosee passierten, lag uns der Lago di Garda plötzlich zu Füßen. Blitzende Augen lugten aus braungebrannten und staubigen Gesichtern in Richtung des Sees. Wie ein Magnet zog uns dieses Gewässer an. Keine Anstrengung, kein Berg, kein Regenschauer verging, ohne dieses Ziel vor Augen gehabt zu haben.

Die letzten Kilometer fuhren sich mühelos. Wir passierten die Ortsgrenze von Riva, erreichten wenig später die Altstadt mit ihren engen Gassen und zahlreichen Touristen, bis wir plötzlich am Ufer des Gardasees standen und uns lächelnd in die Arme fielen. Sieben Tage Alpencross endeten am Ufer jenes Sees, der seit über 20 Jahren untrennbar mit dem Mythos Transalp verbunden ist.

Das Gefühl angekommen zu sein, war gigantisch! Man ahnt, alles im Leben erreichen zu können, wenn man nur will. Alle Anstrengungen mündeten, wie zuvor beim Erreichen eines jeden Gipfels, in der selben Erkenntnis: Es hat sich gelohnt!
Fotos Tag 7
Leckeres Frühstück mit hausgemachten Köstlichkeiten in GfrillBiker SchreinLetzter Bikecheck der TourKnackige Abfahrt ins EtschtalSüdtiroler ApfelplantageDer EtschtalradwegEinsame BergstraßenEs werde Licht...Riesenpizzen für angehende Transalp-FinisherAnkunft in MolvenoEntlang des MolvenoseesLetzter Pass vor RivaDer Gardasee in SichtweiteAm Ortsrand von RivaVerdientes Eis am Ufer des Gardasees in RivaOhne WorteGedankenversunkenKurz vor dem Sprung in den Lago di GardaGardasee


Ankunftsfeier und Rückreise

Rückreise zum Tegernsee
Rückreise zum Tegernsee

Während einer kleinen feucht-fröhlichen Zeremonie am Abend in der Altstadt von Arco, erhielt jeder Teilnehmer von Rudi eine persönliche Finisher-Urkunde und ein Trikot überreicht. Ein letztes Mal saßen wir beisammen und blickten gemeinsam auf eine erlebnisreiche Woche zurück.

Jede Reise kennt ein Ende und so hieß es für uns am nächsten Tag, die staubigen Räder im speziellen Anhänger des gecharterten Fernreisebus zu verstauen und die Rückreise zum Tegernsee anzutreten. Jenseits der Autobahn sahen wir immer wieder Stationen, die wir zuvor in entgegengesetzter Richtung mit unseren Rädern passierten. Innerhalb weniger Stunden erreichten wir so, schneller als manch einem lieb war, den Ausgangspunkt unseres sieben Tage zuvor begonnenen Abenteuers.
Fotos Abschlussfeier und Abreise
Finisher-Feier in ArcoÜberreichung der Finisher UrkundenKleine Auszeichnung für den GuideAuf die erfolgreiche AlpenüberquerungRückreise per BusAdieu Gardasee


  • Der Autor vor der Marmolata
    Der Autor vor der Marmolata
  • Fazit des Autors
    Die vielen eindrücklichen Bilder und Momente während der Tour wie auch die gesamte Streckenführung hinterließen bleibende Erinnerungen. Spektakuläre Bergkulissen, epische Trails und urige Hütten sorgten für einen perfekten ersten Alpencross.
    Welche Erfahrungen hast Du auf Deinem ersten Alpencross gemacht? Ich freue mich auf Deinen Kommentar unter diesem Artikel.




Glückliche Gesichter am Gardasee
Glückliche Gesichter am Gardasee

Jodama M. ist die Tour im August 2017 nachgefahren. Hier ist sein Video:

Link: GPS-Daten der Tour
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4 Kommentare anzeigen
  1. Janina -

    Hi Christian,

    danke für Deinen Bericht! Mir hat er ein wenig Mut gemacht, denn in 3 Wochen habe ich meinen ersten Alpen-Cross vor mir und ich fahre auch erst seit ca. einem Jahr Fahrrad (und das vorrangig im doch recht platten Ruhrgebiet!). Ich werde mit Sicherheit auch an meine Grenzen stoßen und freue mich da schon tierisch drauf!

    VG Grüße aus Essen

  2. Stefan -

    Bester Alpencross den ich je gefahren bin ... 5 Sterne

  3. Flo -

    Hallo Christian!
    Danke für deinen tollen Bericht!
    Wir sind auf eigene Faust eure Strecke nachgefahren und hatten eine herrliche Woche erwischt!
    Es war unser erster aber definitiv nicht letzter Alpencross mit dem MTB

    Viele Grüße aus Stuttgart!
    Flo

  4. Martin -

    Wow! Vielen Dank für Deinen tollen Artikel. Er hat mich sehr inspiriert und mir Lust darauf gemacht auch einmal über die Alpen zu fahren.
    Vielen Dank dafür und viele Grüße aus Frankfurt
    Martin

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