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Stonemantrail - Mountainbiketour in den Sextener Dolomiten

Tourenkarte Stonemantrail / Sextener Dolomiten
Tourenkarte Stonemantrail / Sextener Dolomiten

Prolog
Ein paar Tage durch die Dolomiten drehen, nichts Großes“ sage ich zu meinem Kumpel Marcus, als wir an einem trüben Winterabend Ideen für eine gemeinsame Tour im Sommer besprechen. Bei der anschließenden Recherche im Internet fanden wir schnell erste Hinweise zum Stonemantrail in den Sextener Dolomiten. Das Tourenprofil schien für unser Vorhaben perfekt zu sein: Ein Rundkurs mit zahlreichen Höhenmetern, gespickt mit anspruchsvollen Trails und Übernachtungsmöglichkeiten auf Berghütten. Das nächste Abenteuer war geboren.

Vorbereitung auf den Stonemantrail
Das Training für den Stonemantrail bestand aus mehreren längeren Tagestouren und der fast schon rituellen jährlichen Rennsteigüberquerung. Wir planten den Stonemantreil in zwei Tagen zu absolvieren, was sich hinterher als eine gute Entscheidung erwies. Für fahrtechnisch weniger versierte Biker kann ein Techniktraining im Vorfeld hilfreich sein. Einzelne Abschnitte erfordern sichere Fahrtechnik und Schwindelfreiheit.

Anreise
Wer eine Anreise von 750 Km in Kauf nimmt, um für zwei Tage in den Alpen zu biken, sollte ein paar gute Gründe haben. Ökologisch und ökonomisch ist das total irrsinnig und wir haben uns mehr als einmal die Frage gestellt, ob das nicht schon an spätrömische Dekadenz grenzt.
Spätestens als der Brenner hinter uns lag, zwei kühle Bierchen auf der Rücksitzbank klapperten und die ersten Dolomitengipfel vor uns im Abendrot glühten, übernahmen ganz andere Gedanken die Regie. Denn natürlich geht es bei solchen kleinen Abenteuern im weitesten Sinne auch um Unvernunft. Es geht um das Verlassen der Komfortzone und das Austesten körperlicher wie mentaler Grenzen. Vielleicht geht es letztlich auch einfach nur darum, dem Alltag einen gehörigen Stinkefinger entgegen zu strecken!?

Tag 1: Toblach > Leckfeldalm - 50 Km, 2300 Hm
Tourenglück! entfuhr es mir, als wir am Morgen unsere kleine Pension verließen und keine Wolke am Himmel zu sehen war. Denn bis zum Vortag beherrschte eine ausgeprägte Schlechtwetterfront die Region.
Bevor wir richtig starten konnten, galt es eine erste Herausforderung zu lösen: Wo ist die Ausgabestelle für das Starterpaket? Die Adresse, die ich aus einem zwei Jahre alten Tourenbericht hatte, war inzwischen veraltet und bescherte uns einige Runden durch Toblach. Die aktuelle Ausgabestelle, ein Hotel am Stadtrand, war nach kurzer Internetrecherche rasch in Erfahrung gebracht. Im Hotel angekommen, erhielten wir für schlappe 30 Euro eine Tüte mit zahlreichen Werbeprospekten, einem Fahrradschlauch, einer koffeinhaltigen Zuckerbrause, einem Armband und einer ungenauen Tourenkarte. Nach dem die freundliche Dame an der Rezeption unsere Daten in eine Liste eingetragen hatte, galt es endlich auch für uns: „Was die Berge ausstrahlen, wird von euch zurückstrahlen.“

Die Tour startete direkt am Ortsrand mit einem knackigen Anstieg über insgesamt 1300 Höhenmeter. Zeit zum Einfahren blieb also nicht. Dafür gab es speziell für uns 200 Extrahöhenmeter, da wir uns entgegen dem Versprechen, die Tour komplett ohne GPS fahren zu können, sicherheitshalber einen GPS-Track aus dem Netz besorgt hatten, der ähnlich veraltet war wie die Adresse der örtlichen Ausgabestelle des Startpaketes. Tatsächlich wurde die Route ein Jahr zuvor modifiziert und um besagte 200 Höhenmeter entschärft. Umsonst war der “Umweg” für uns jedoch nicht, da wir die gesamte Zeit mit einem prima Panorama und herrlicher Ruhe belohnt wurden.

Was los, schon die Luft raus?“ fragte mich Marcus mit leicht gehässigem Unterton, als ich ca. 300 Höhenmeter vor dem Gipfel des Marchkinkele zur Brotzeit bitte. „Ich finde, wir sind etwas zu schnell unterwegs“ nuschelte ich angezählt zwischen zwei hastigen Atemzügen hervor. Mein Puls war von Anfang an viel zu hoch. Sollte ich zu wenig trainiert haben? Konsterniert kaute ich auf einem Käsebrot herum und suchte Ablenkung im atemberaubenden Dolomitenpanorama inkl. Drei-Zinnen-AllInclusive. „Los, weiter jetzt, sonst sitzen wir morgen Abend noch hier rum” zischte Marcus wenig später nervös von der Seite. Da hatte jemand ein paar Witze über konditionelle Enpgässe der jüngeren Vergangenheit offenbar noch nicht ganz vergessen. Shit happens ;-)

Wenig später erreichten wir den Gipfel des auf 2500 Metern gelegenen Marchkinkele und damit die erste von insgesamt fünf Stempelstellen. An einer massiven Stahlsäule hing, umweht von tibetischen Gebetsfahnen, eine kleine Stempelzange. Das erste Loch zierte fortan unser Armband. Mehrere große Altschneefelder und einige Bunkeranlagen aus dem ersten Weltkrieg befanden sich in direkter Umgebung. Den Blick in die Ferne gerichtet, zogen uns unzählige Berggipfel zu allen Seiten in ihren Bann. Einfach nur weiterfahren ging nicht. Nach einigen Minuten des Innehaltens, setzten wir unsere Tour fort. Vor uns lag ein langer Downhill zurück ins Pustertal.

Ist was passiert” fragte ich beunruhigt, als Marcus nach zwei ziemlich langen Minuten um die Kurve kam. “Alles gut!” rief er mir mit bebender Stimme zu. In einer Fahrrille schmierte ihm das Vorderrad ab und ließ ihn über den Lenker zu Fall gehen. Glück gehabt. Leider hat der Weg unter den vielen Fahrern deutlich gelitten. Streckenweise stark ausgewaschene Fahrrinnen sind unübersehbare Zeugnisse eines beliebten Mountainbiker-Hotspots.

Im Tal angekommen, rollten wir die letzten Kilometer bis Sillian komfortabel auf dem gut ausgebauten Radweg. Nach einem kurzen Besuch im örtlichen Supermarkt, fanden wir im Schatten eines alten Birnenbaums am Ortsrand einen geeigneten Rastplatz für eine zünftige Brotzeit.

So richtig entspannen konnte ich mich allerdings nicht. Selbst während der ausgedehnten Mittagspause hämmerte mein Puls noch bei deutlich über 100 Schlägen pro Minute. Marcus hingegen wirkte fit wie einer dieser Lycraprinzen in der ersten Reihe großstädtischer CC-Rennen. Vor dem folgenden 800 Höhenmetern bis zur Leckfeldalm hatte ich richtig Respekt. Instinktiv ahnte ich, dass das kein Zuckerschlecken werden würde.

Das Ergebnis war am Ende eindeutig: Als ich die Leckfeldalm erreichte, entspannte Kompagnon Marcus bereits seit einer dreiviertel Stunde bei Hefeweizen und Radlerfachgesprächen im Kreise weiterer Biker auf der Sonnenterrasse. Meine Situation gestaltete sich zwischenzeitig derart dramatisch, dass ich mich sogar einmal entblödete, mein Rad auf den Kopf zu stellen, um pseudo-fachmännisch an der Bremse herumzufummeln, nur um eine hinter mir fahrende Gruppe ohne Gesichtsverlust vorbeiziehen zu lassen. Heiliger Bimbam….
Nach dieser Situation blieb nur noch Galgenhumor und der Genuss eines wohlverdienten bleifreien Hefeweizens. Schließlich war das alles ja auch Urlaub und letztlich gilt: geschafft ist geschafft!

Tag 2: Leckfeldalm - Toblach - 65 Km, 1900 Hm
Nächte in den Bergen sind toll. Ich mag die Hüttenatmosphäre, das spartanische und urige Flair, das Farbenspiel zur Blauen Stunde am Abend und das Bewusstsein, am nächsten Morgen direkt am Berg zu starten.

Das kräftige Bergsteigerfrühstück, das uns der Hüttenwirt am Morgen kredenzte, war angesichts der folgenden 500 Höhenmeter bis zum Gipfel mehr als notwendig. So begann der zweite Tag gleich mit einer knackigen Herausforderung: Auf dem Weg zur Sillianer Hütte galt es streckenweise über 25 % Steigung zu bezwingen. Wer dieses Stück ohne einmal abzusteigen durchbolzt, hat sich eine extra Trophäe verdient! Uns blieb sie jedenfalls verwehrt. Doch immerhin hatte sich mein Konditionstief vom Vortag über Nacht verzogen und sollte fortan auch kein Thema mehr sein.

Kurz vor der Sillianer Hütte erreichten wir die zweite Stempelstelle, die mit einem atemberaubenden Blick auf die Sextener Dolomiten und den Karnischen Höhenweg belohnt. Doch bevor ich das Bergpanorama richtig genießen konnte, musste ich mir kurz über die Augen reiben. Vor mir an der Stempelstelle stand ein anderer Mountainbiker mit einer exakten Kopie meines Rades sowie teilweise identischer Ausrüstung. Entsprechend fiel das folgende Hallo aus...

Noch während ich das zweite Loch in mein Armband stempelte, spürte ich das erhabene und zugleich befriedigende Gefühl des Gipfelglücks in mir aufsteigen. Einen Moment hielt ich inne und ließ allen Gedanken ihren Lauf. Momente wie dieser lassen vieles plötzlich ganz einfach und klar erscheinen. Alltägliches tritt in den Hintergrund und verblasst in Bedeutungslosigkeit. Mountainbiken scheint ja inzwischen auch eine Art Therapie für ausgezehrte Stadtmenschen zu sein. Ich ertappe mich regelmäßig - auch Jahre später - dabei, wie mir die schiere Erinnerung an eine epische Tour ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Es sind Momente wie dieser, die den Weckruf der Berge seit meiner ersten Tour nicht mehr verklingen ließen.

Nach dem kurzen Zwischenstopp in der fantastisch gelegenen Sillianer Hütte und einer weiteren Überdosis Gipfelpanorama, näherten wir uns dem eigentlichen Highlight der gesamten Tour: Die Demutpassage - ein 10 Kilometer langer, oft flowiger Singletrail in 2500 Metern Höhe. Ich durfte schon viele schöne Trails in den Alpen unter die Stollen nehmen und empfinde gerade das Trailsurfen als das Salz in der Suppe einer jeden Tour. Ob es allerdings möglich ist, die Demutpassage bei schlechtem Wetter zu befahren, kann ich nicht beantworten. Wohl aber, dass sie nur bei schönem Wetter wirklich zu genießen ist. Jeder einzelne Meter schenkt pure Freude. Das Profil war abwechslungsreich und fordernd zugleich. Hinter jeder Biegung eröffneten sich neue Landschaftsbilder und neue fahrtechnische Herausforderungen. Mal galt es überhängende Felsen zu meistern, mal das Rad bei kaum mehr als 20 Zentimetern Breite sicher am Abhang vorbei zu manövrieren. Steile Schotterrampen und kurze Klettereinlagen waren weitere Hindernisse. Zwischendrin sorgte das unbekümmerte Spiel junger Murmeltiere für Ablenkung am Wegesrand. Gute 10 Kilometer tänzelten wir so mit unseren Rädern im Bereich zwischen 2000 und 2400 Metern Seehöhe. Bikerherz, was willst Du mehr!? Unterwegs sammelten wir noch den dritten Stempel an einer mit Tierknochen verzierten Kontrollstelle ein.

Gerade als sich der erste Flow auf der folgenden kernigen Abfahrt einstellen wollte, sahen wir uns mit Erreichen der Baumgrenze plötzlich einem unüberschaubaren Wirrwarr aus umgeknickten Baumstämmen konfrontiert, die den Weg unbefahrbar machten. Ein Weg, Markierungszeichen etc? Aussichtslos! Dennoch fanden wir eine Schneise durch die unzähligen ineinander verkeilten Baumstämme, denen die Schneemassen des Vorwinters zum Verhängnis wurden.

1000 Höhenmeter tiefer erwartete uns eine neue Herausforderung: Waren es kurz zuvor auf dem Berg noch angenehme 15°, lagen die Temperaturen im Talkessel von Padola zur Mittagszeit bereits deutlich oberhalb der Komfortzone. Die passende Gelegenheit für einen Zwischenstopp im schattigen Biergarten einer ortstypischen Pizzeria…

Der letzte Streckenabschnitt dieser grandiosen Tour sollte uns noch ein kleines Highlight bescheren.
Zunächst rollten wir mehrere Kilometer auf einer schmalen Teerstraße moderat talaufwärts. Das Thermometer im Radcomputer zeigte 40.7°! An nahezu jeder Quelle auf der Strecke füllten wir unsere Trinkflaschen nach und waren dankbar über jeden schattigen Streckenabschnitt. Kurz nach Verlassen der schmalen Teerstraße erreichten wir die nächste Stempelstelle. Routiniert wurde der vorletzte Marker am Armband abgeknipst.

Bei durchschnittlich 10% Steigung auf Schotter, kurbelten wir dem letzten Highlight der Tour entgegen. Was mir vorher nicht mal namentlich ein Begriff war, entpuppte sich später als beinahe kitschiges Alpenpanorama in Premiumqualität: Die Rotwandwiesen.
Bei (mäßigem) Kaiserschmarrn und alkoholfreien Hefeweizen, feierten wir in der Rifugio Rudi Hütte den fünften und letzten Stempel auf unserem Armband.

Über eine steile Skipiste gelangten wir zurück ins Tal nach Croda Rossa. Die letzten 15 Kilometer bis Toblach rollten wir ganz entspannt auf einem super ausgebauten Radweg vis a vis zur Dolomitenstraße. Kurz hinter Sexten gönnten wir uns noch eine kurze Abkühlung im eisig kalten Weißbach. Auf der gegenüberliegenden Talseite reihten sich in breiter Front jene Gipfel auf, die wir nur wenige Stunden zuvor in entgegengesetzter Fahrtrichtung passierten.

In Toblach angekommen, erhielten wir die sehr schöne Finisher-Trophäe in Silber. Eine schätzenswerte Erinnerung, die die beiden Tage in der Grenzregion zwischen Österreich und Italien im heimischen Wohnzimmer in bester Erinnerung bewahren wird.

Nach den beiden schönen Tourentagen auf dem Stonemantrail gönnten wir uns noch einen dritten Tag in der Region, um rund um Cortina d'Ampezzo ein paar weitere Trails unter die Stollen zu nehmen. Das Tagesziel waren die Cinque Torri, die unser kleines Bikeabenteuer in einer spektakulären Kulisse zu einem grandiosen Ende führte.

Fazit
Der Stoneman Dolomiti bietet alle Eindrücke in kompakter Form, die auch bei einem Alpencross das Salz in der Suppe sind. Die Strecke ist bis auf einzelne Teerpassagen großartig in die Landschaft der Sextener Dolomiten eingebettet. Das Konzept eines Rundkurses an der Nahtstelle zweier Länder, wurde inzwischen mit dem Stoneman Miriquidi erfolgreich nach Deutschland exportiert.

Fotos


GPS - Tag 1


GPS - Tag 2

Link: Offizielle Website des Stoneman Dolomiti
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